Macht’s gut und danke für den Fisch

English version

Nach genau fünf Jahren als PokerStars Team Pro und einer noch längeren Zusammenarbeit beenden PokerStars und ich unsere Kooperation planmäßig zum 30.6.2011.

Es war eine schöne, spannende und ereignisreiche Zeit mit einer großartigen Firma und ich bedanke mich ganz herzlich beim gesamten Team in London und auf der Isle of Man – insbesondere und ausdrücklich bei Isai Scheinberg – für die vielen Erfahrungen, die ich im Auftrag von PokerStars machen durfte.

Ich habe zum Erfolg des Pokerspiels in Deutschland und in Europa sehr viel beigetragen und blicke stolz auf meine Arbeit und meine Leistungen in diesen Jahren zurück.

Kaum ein Magazin, das mich nicht interviewt hätte, kaum ein Fernsehformat, in dem ich mich nicht für Poker und PokerStars eingesetzt hätte. Über eine Million pokerbegeister Einsteiger haben sich mit meinen Videos und dem Quizz bei IntelliPoker ihr erstes Startkapital verdient.

Daneben habe ich tolle internationale Werbespots mit Teamkollegen und Boris Becker gedreht, mehrere Finaltische bei EPT, WSOP, SCOOP und WCOOP erreicht, ein Bracelet bei der World Series of Poker gewonnen, war Europe´s Leading Lady, EPT Mixed Game Player of The Year und vieles mehr.

Jetzt ist es an der Zeit für neue Dinge; Poker wird ein großer Bestandteil und eine Leidenschaft in meinem Leben bleiben und man wird mich auch weiterhin an den Tischen finden – jetzt allerdings zu Zeiten und Bedingungen, die ich mir aussuchen kann.

Also vielen Dank noch einmal an PokerStars und an alle, die mich in dieser Zeit begleitet haben.

Macht’s gut und danke für den Fisch.

So long and thank you for the fish

After exactly five years as a Member of PokerStars Team Pro and a much longer cooperation PokerStars and I finished our relationship on the 30th of June 2011.

It has been an amazing time with PokerStars and I appreciate having had the opportunity to work with this great company. I like to thank the whole team in London and Isle of Man – especially and explicitly Isai Scheinberg – for this wonderful experience.

I helped making Poker very popular in Germany and Europe in a big way and I can look back on the work and performance I have done the last years with great proud.

There was hardly a magazine to find without me or a TV program where I didn´t show up to present Poker and PokerStars. More than a million enthusiastic beginners were able to pass the quiz at IntelliPoker because of my educational videos and earned their first $$ on PokerStars.

In addition I did shoot great international TV ads with Team Pro colleagues and Boris Becker, I archived final tables at EPT, WSOP, SCOOP and WCOOP, won a bracelet at the World Series of Poker, accomplished to be Europe´s Leading Lady and EPT Mixed Game Player of the Year and much more.

Now it´s time for new challenges; Poker will stay as a big part and passion in my life and you will continue see me playing – now on conditions I choose.

Thanks again to PokerStars for the great time and thanks to everybody who came along with me this way.

So long and thank you for the fish.

Freier Fall

Heute habe ich erst kürzlich wiedergefunde Word-Dokumente aus den frühen 90er Jahren veröffentlicht, Entwürfe zu einem ehemals geplanten Buch. Der Titel sollte „Freier Fall“ lauten.

Bereits ca. 1987 haben mein damaliger bester Freund und späterer Geschäftspartner Jörg Riemann und ich ein erstes Buch verfasst; naja, vielleicht war es eher ein Sammlung von Kurzgeschichten. Es hieß „Der Frosch im Postsack“ und erzählte in lustiger Art und Weise kleine Geschichten aus unseren Erlebnissen in der norddeutschen „Szene“ der 80er Jahre, die wir beinahe täglich nächtlich unsicher gemacht haben.

Nach einem Verleger hatten wir damals nicht einmal gesucht, wir haben mit Hilfe eines Copyshops und eines Buchbinders ein paar Hundert Exemplare selber hergestellt und an Freunde und Freundesfreude für 10 DM verkauft. Das Feedback war gut bis euphorisch so das wir planten, mit unserer ach-so-brillianten-und-lustigen Schreibweise noch eine Fortsetzung zu machen. Mindestens.

Diesmal sollte es allerdings keine Sammlung von Einzelgeschichten werden sondern eine richtige Geschichte, wenn auch fiktiv, mit einem richtigen Plot, Spannungsbogen und so ^^ (davon ist aus heitiger Sicht nicht wirklich viel zu sehen)

Jörg und ich waren damals neben unserer begonnenen Selbstständigkeit im IT-Business beide begeisterte Turnierreiter und schlugen uns jedes Wochenende auf Turnierplätzen und den dazugehörigen Parties herum (Poker gab es da knapp noch nicht in meinem Leben). Um also auch all unsere Freunde (und die vielen Frauen) so richtig zu beeindrucken siedelten wir den Plot entsprechend in der Reiter- und Pferdewelt an.

Der Plot war ungefähr so geplant: der fiktive Vincent Berger, Yuppie, Juniorpartner in einer Immobilienfirma, ohne feste Freundin und begeisterter Hobbyfußballer mit Ambitionen erleidet einen Unfall, der ihn daran hindert weiter Fußball zu spielen und kommt zum Reiten – wegen der Mädchen.

Hier die einzelnen Kapitel in der hoffentlich richtigen Reihenfolge:

  1. Zwergenaufstand
  2. Im Krankenhaus
  3. Der Medikus
  4. The First Cut Is The Deepest
  5. Voll erwischt
  6. Rowdys der Reitbahn
  7. Über Schulpferde
  8. Doktor, Doktor
  9. Von einem, der auszog, ein Pferd zu kaufen
  10. Über Pflegerinnen
  11. Herrenabend
  12. Al gibt heut eine Party
  13. Wir fahrn fahrn, fahrn auf der Autobahn
  14. Spanische Inquisition
  15. Texasrangers

Wie gesagt, es ist alles andere als fertig und es fehlen ca. 20 laut Plot vorgesehene Kapitel. Diese Arbeit wird wohl niemals mehr fortgeführt werden aber ich dachte mir, bevor ich diese Sachen lösche oder weiter in den tiefen Weiten meiner Festplatten verschwinden lasse und sie dann ausversehen lösche stell ich es besser Online. Falls es hier und da jemanden zu einem Schmunzeln hilft freut es mich.

In diesem Zusammenhang ein Grußwort an Jörg, mit dem ich inzwischen keinen Kontakt mehr habe. Die Welt ist, seit wir diese Geschichten lachend zusammen geschrieben haben, wesentlich schwieriger und komplizierter, aber weniger lustig, geworden.

Ebenfalls in diesem wiederentdeckten Ordner waren noch zwei Einzeldokumente, die nicht zum Buch gehören sollten (oder für deren Einbindung wir noch nicht genug herumgealbert hatten). Einmal ein Anschlag, den ich tatsächlich irgendwann bei uns im Reistall an das schwarze Brett gehängt habe (und der dort auch tatsächlich drei Wochen lang blieb) und eine geklaute, leicht abgewandelte Geschichte über das Schneeschippen.

Tallinn vaheldusrikas

Viel Wasser, Schlösser, Kirchen und Paläste. Traumlage am Finnischen Meerbusen mit Blick auf die plätschernde Ostsee. Bezaubernde Altstadt mit antiken Gebäuden, historischen Plätzen und im Sommer gibt es bis zu 19 Stunden Tageslicht mit meiner Lieblingstemperatur „Shorts & Windjacke“.
Kein Wunder, dass die halbe Welt dort schon mal einmarschiert ist.

Tallinn hat eine wechselhafte Geschichte hinter sich und so ergibt es sich fast von selbst, dass eine estnische Leibspeise Blutwurst mit Sauerkraut ist.

Morgen beginnt die PokerStars EPT Saison 7 und Tallinn ist der erste Austragungsort dieser  weltgrößten Turnierserie. Das Hauptevent wird ein 4000EUR NLHE Turnier sein und am Mittwoch mit Tag 1 A im luxuriösen Swissôtel starten.

Jedes Jahr werden bei der European Poker Tour am Saisonende Preise für die besten Leistungen vergeben. In der letzten Saison konnte ich den Mixed Game Player Award gewinnen und dieser wird mir hier in Tallinn überreicht.

Meine Freundin Britta wird mich begleiten. Das ist die, die auch mal spontan von Hamburg nach Monte Carlo fliegt um mir Aspirin zu bringen. Ich hatte ihr während eines Turniers eine SMS geschrieben, dass ich von einer gespielten Hand regelrecht Kopfschmerzen habe. Ein paar Stunden später stand sie vor meiner Zimmertür.

Um in einem fremden Land nicht in jedes Fettnäpfchen zu treten, empfiehlt es sich, wenigstens eine grobe Bedienungsanleitung zu haben. Ich bin schon viel gereist und was das betrifft auch durchaus unerschrocken, aber manchmal kommt man um komische Situationen einfach nicht herum, weil man die Sprache nicht beherrscht.

Ein Barkeeper in Barcelona kann schon mal drollig gucken wenn man eine „Cola“ bestellt und dass eine „Aubergine“ in Frankreich die Strafzettel an die Autos klebt, statt lecker überbacken auf dem Teller zu liegen, war auch ein interessanter Lernprozess. Letztes Jahr habe ich aufgrund fehlender Sprach- und Lesekennnissen auf dem Moskauer Flughafen den klassischen Coinflip im Toilettenraten aber verloren.
Aber außer hastig hochgezogener Augenbrauen und Hosen gab es glücklicherweise keine weitere Action mehr. Ich checke in the dark und er gewinnt ohne Showdown.
Das Schild  „общественный туалет“ ist nun auch wirklich etwas verfänglich. Das könnte mich ja in Gott weiß was locken. In die Zollbehörde zum Beispiel. Oder zur Steuerfahndung. Dann nehme ich doch lieber die Männertoilette und habe wenigstens einen Hauch von Fold Equity.

Wir haben Glück.
In Tallinn werden, historisch bedingt, jede Menge Sprachen außer Estnisch gesprochen und auf der Suche nach einer solchen stoße ich bei Wikipedia in diesem Zusammenhang auf eine mir bisher unbekannte grammatikalische Raffinesse.

Mir ist zwar geläufig, dass der Dativ nicht an allen Hamburger Schulen gelehrt wird, aber was zum Teufel ist der Ergativ? Hier ein wenig Nachhilfe für alle, die auch nur zu Sport und Musik anwesend waren:

Der Ergativ ist ein Kasus in bestimmten Sprachen, die nach ihm Ergativsprachen genannt werden. Er markiert das Subjekt transitiver Sätze, also solcher, die auch ein direktes Objekt haben. Subjekte intransitiver Sätze, also objektloser Sätze, werden hingegen nicht mit dem Ergativ markiert. Dagegen wird in Ergativsprachen das direkte Objekt in transitiven Sätzen und das Subjekt in intransitiven Sätzen mit demselben Kasus, dem Absolutiv, markiert.
Bekannte Ergativsprachen sind z. B. das Baskische, Chantische, Georgische, Sumerische, Tibetische,
Kurmandschi, Shipibo (in Peru) und Kalaallisut (in Grönland).

Kalaallisut hört sich doch ziemlich tagestauglich an und sicherlich könnte ich damit auf meiner nächste Butterfahrt, wenn ich mal wieder zollfrei Zigaretten und Walfett einkaufe, die mitreisenden Eskimos beeindrucken.

Nächste Woche allerdings brauchen wir Dänisch, Schwedisch, Finninsch, Russisch, Ukrainisch und Estonisch.
Also werde ich mir in der Flughafen Bibliothek den Langenscheid für Blonde Reisende in 6 Sprachen besorgen. Britta benötigt die brünette Ausgabe. Schließlich möchten wir ein wenig entspanntes Sightseeing machen und wollen nicht unterwegs nach einer Aubergine fragen müssen.

Es sieht ein wenig so aus, als könnten wir den alten Stadtplan von Lübeck benutzen. Den hätte ich sogar noch irgendwo. Allerdings stehe ich mit den herkömmlichen Stadtplänen etwas auf Kriegsfuß. Herr Falk (das ist der mit dem Faltplan) hatte 1995 alle Sympathien bei mir verspielt, als er sich ungefragt aber maßgeblich an einer exakten Faltung meines Autos beteiligt hat.

Aber vielleicht kommt es für mich ja gar nicht zum ausgiebigen Sightseeing, Autos auf dem Kopf oder irgendwelchen sprachlichen Verwicklungen und ich sitze lange im Turnier. Dort wird nämich englisch gesprochen, zumindest offiziell.
Dass die Russen sich des Öfteren mal nicht daran halten und während einer laufenden Hand  einfach in ihrer Sprache weiterpalavern, stört mich nicht weiter.
Meine Kenntnisse reichen für Wesentliches wie z.B. schmutzige Trinkgesänge, ТРОЙКА, СТРИТ, ФЛЭШ und Фул Хаус. Damit sollte ich selbst an einem „Russisch Only Table“ zurechtkommen. Gott bewahre mich nur vor einem skandinavischen Tisch. Diese Sprachen versetzten mich komplett ins Tal der Ahnungslosen und ohne eingeblendete Untertitel könnte ich nicht mal ein Billy-Regal zusammenbauen.

Ich freue mich sehr auf diese Woche, ob nun auf das Event, meinen Preis oder das Sightseeing. Falls ich die meiste Zeit am Pokertisch verbringen sollte und meine Turniertage lang sind, muss Britta sich eben alleine mit der dunkelhaarigen Ausgabe des Lübecker Stadtplans durch Tallinn singen.

Aber das kann sie. Notfalls bringe ich ihr Aspirin.

Las Vegas 2010 – Zwischen Summerlin und Rio

(Dieser Beitrag ist auch am 30.6.2010 im deutschen PokerStars Blog erschienen.)

Dieses Jahr haben wir uns wieder entschieden in einem Haus zu wohnen und ein Auto zu mieten. Ich muss wirklich sagen, dass das für mich eine ganz andere Lebensqualität bedeutet als wochenlang in einem Hotel auszuharren. Sei es auch in Las Vegas, wo die Hotels ja bekanntlich zu den besten und komfortabelsten der Welt gehören. Wenn man aus dem lauten Rio nach Hause fährt gibt es keine klingelnden Slotmachines, keine Bad Beat Stories auf dem Weg ins Bett (außer den eigenen), weil man Gott und die Welt trifft oder endlose Taxischlangen. Und selbst wenn man das mal möchte: Der Strip ist nicht weit und schläft eh niemals.

Unser Haus liegt in Summerlin, etwa 20-25 Minuten vom Rio entfernt. Gated Community, 3 Schlafzimmer, 2 Bäder, schöner Wohnraum mit Küche, Garten und Pool.

Jan war eine Woche vor mir nach Vegas gereist, Daniel und ich sind seit dem 3.6. hier. Die ersten Tage habe ich mit der Akklimatisierung, im wahrsten Sinne des Wortes, verbracht. In Hamburg waren bei meiner Abreise süße 12 Grad und ich musste noch mit Pulli & Windjacke aufs Pferd. Hier schlugen uns dann gleich ü35 entgegen. Als ich aus dem Flughafengebäude kam, dachte ich, ich stehe noch direkt unter der laufenden Condor-Turbine.

3k H.O.R.S.E. Event – Day2

Ein paar Tage später habe ich im Venetian dann mein erstes Turnier gespielt. 550-er PLO Deepstack Extravaganza. Am 2. Tag bin ich dann (im Geld) natürlich gegen einen dummen 2-outer gebustet. Diese Deepstack-Serie spielt sich in den ersten Leveln ganz gut, nimmt aber deutlich an Qualität ab sobald man tief im Turnier ist. Der Average ist dann etwa so bei 15BB und damit kommt man bekanntlich nicht weit. Auf keinen Fall darf man einen Showdown verlieren. So did I.

Die Tage darauf spiele ich Cash Game PLO abwechselnd im Rio und Venetian. Im Rio sind mehr Tische und wildere Spieler, im Venetian sitzt man besser und hat mehr Komfort. Mir ist das eine so recht wie das andere.

Zwischendurch versuche ich ein paar Turniere im Rio bei der WSOP. Ein 1k NLHE mit Massenandrang, ein 2.5k PLO, ein 3k HORSE und ein 2,5k Razz. Im PLO brauchte es 5 Level und gefühlte 100 Cooler um mich raus zu befördern. Im Razz schaffe ich es unter den Top-Chipcounts in den 2. Tag und muss mir ungelogen 20 Mal den König zum Öffnen ansehen. Darunter ein weiterer König oder Damen oder sogar rolled-up waren dabei. Kurz vor dem Geld konnte ich dann auch nichts mehr mit A-2-3 machen und war raus. Dafür ging es beim HORSE etwas besser. Allerdings bekam mein bis dahin guter Stack am zweiten Tag einen richtigen Einsturz, als mich ein Teamkollege mit K high und einem Paar 5 offen beim Razz chased und runner-runner Gutshot für ein Wheel trifft. Well played, Sir! Ich hab mich ja daran gewöhnt, dass ich als Frau und auch noch Team Pro eine Fold Equity von gleich null habe, aber das war mal wieder echt verrückt. Danach wird mein Tisch aufgelöst und wie der Teufel es so will, es geht gar nichts mehr und ich scheide als 34. (Gott sei Dank im Geld) mit Flush vs. Full House im Stud aus.

Zwischendurch ist es im Rio so kalt, dass ich mir von einem Cocktail Waiter Socken besorgen lasse und die Klimaumschwünge sind so extrem, dass ich täglich mit Nasenbluten und Kopfschmerzen zu kämpfen habe.

Also als Tipp für Las Vegas: Taschentücher, Tabletten und Kleidung in jeder Variante bei jeder Variante.

Aber es gibt auch wirklich tolle Sachen, die einem hier das Leben angenehm machen. Zu einem ist es die Vielfalt und Qualität der Restaurants.

Texas de Brasil

Wenn man gerne Fleisch isst kommt man um das Texas de Brasil, einer brasilianischen Churrascaria, nicht herum. Das Restaurant ist sehr geschmackvoll und doch gemütlich eingerichtet, der Service erstklassig und selbst das Vorspeisenbuffet kann mit den stadtbesten Italienern mithalten. Reservierung ist fast ein MUSS. Das Restaurant ist fast immer ausgebucht und uns ist es schon passiert, dass wir wieder unverrichteter Dinge ins Auto steigen durften. Danach schmeckt selbst zum Trost Jack-in-the-Box nicht mehr.

Town Square bei Nacht

Gleich nebenan liegt das Town Square. Diese Einkaufsmeile unterscheidet sich deutlich von denen, die man in Vegas sonst so kennt. Weder ein künstlicher Himmel mit wechselndem künstlichem Wetter, noch steriler, viel zu glatter Marmorboden oder gar Vanille-Fake-Luft. Das Town Square ist etwas für diejenigen, die ein wenig Heimweh nach Hause haben. Eine Mischung aller schönen großen europäischen Städte, maximal 2-stöckige Gebäude und vielen Bäumen an den Straßen. Allein die Außentemperatur erinnert immer wieder daran, dass man eigentlich mitten in der Wüste ist.

Unser Verdauungsspaziergang vom Texas de Brasil führen Jan und Daniel in den Apple Store, ich biege derweil bei Soma ein. Schließlich kauft jeder was er so persönlich am Pokertisch braucht: Jan das iPad gegen die Langeweile und ich einen neuen Push-up auch gegen die Langeweile. Meine PLO-Jungs wollen ja schließlich auch unterhalten werden…🙂 Auf dem Heimweg noch schnell einen Milkshake bei Wendy´s und ab auf den Highway nach Hause. That´s the american way of life.

Town Square bei Tag

Man könnte sich fast daran gewöhnen. Aber es gibt hier ein paar Dinge, die ich um nichts in der Welt länger als 5 Wochen am Stück hören möchte. Das erste ist „Yaay“, welches immer, vorzugsweise von amerikanischen Frauen, benutzt wird. Und zwar zu jeder Gelegenheit. Ob sie ein Ass gedealt bekommen, das Essen serviert wird oder einfach die Umkleidekabine nicht besetzt ist. Alles ist „Yaay“. Das zweite woran ich mich nur schwer gewöhnen kann sind die übertriebenen Sicherheitsmaßnahmen. Neulich waren wir auf dem Stratosphere Tower und selbst dort geht nichts ohne Ausweis, Taschen ausleeren und Pieper mit Security-Mann. Das vermiest einem schon die schöne Aussicht im Ansatz.

Apropos schöne Aussicht: Das Wynn bzw. Encore hat eine neue kleine Ecke angebaut. Den Beach Club. Das sieht so Sahne aus, dass wir uns wahrscheinlich morgen mal einen Day-Pass besorgen. Tagsüber ist es eine supergeile Poolanlage mit Cabanas und ab Sonnenuntergang ein Partyclub.


See you in Vegas, Baby. Yaay!

Patas arriba

(Dieser Beitrag ist auch am 17.3.2010 im deutschen PokerStars Blog erschienen.)

Anders als die meisten Pokerspieler bin ich nicht mit der Maus in der Hand sondern im Live Game aufgewachsen, noch dazu in einer sehr speziellen Variante: 7-Card Stud, gespielt als Potlimit (PL).

Bis heute sind mir die etwas ungewöhnlichen, oder sagen wir mal „nicht so angesagten“ Spiele die Liebsten. Texas Hold’em ist eine feine Sache, ein tolles Spiel und es macht mir Spaß. Wenn ich allerdings die Wahl habe zwischen einem 8-Game oder Hold’em-only nehme ich lieber ersteres.

Als Poker so etwa 2005 in Deutschland immer populärer wurde änderte sich auch unsere reguläre Live-Runde in Hamburg. Poker war in aller Munde, allerdings verbanden die Menschen in Deutschland das Wort Poker ausschließlich mit Texas Hold’em.

Mein Casino freute sich über den regen Zulauf der neuen jungen Generation und fing an Hold’em-Tische anzubieten, allerdings vorerst im bekannten PL-Format. Das Spiel wurde mit Blinds 5-10 oder 10-20 gespielt, ähnliche Table Stacks wie vorher beim Stud. In anderen Casinos, wie z.B. Schenefeld, wurde es auch als Fixed-Limit angeboten.

Den meisten „alt Eingesessenen“ war allerdings PL Hold’em schnell zu langweilig. Immer mehr wurden Mixed-Game-Runden gespielt aus PL Stud, PL Holdem und nach einiger Zeit PL Omaha. Relativ schnell landeten wir ausschließlich beim PLO, welches bis heute die gängige Variante in den höheren Limits in der Spielbank Hamburg ist.

Wie man unschwer erkennen kann, sind wir Hamburger dem PL treu geblieben.

Man hat bei dieser Einsatzstruktur einfach „mehr Platz“ um Poker zu spielen. Selten kann man sich, im Gegensatz zum NLHE, auch mal mit einem Pre- oder Postflop „All-in“ retten. Wir nennen das manchmal scherzhaft das „Keine-Kopfschmerzen-mehr-Poker“.

Beim PLO muss man in den meisten Fällen das Board zu Ende spielen und seine Entscheidungen auf dem Weg immer wieder überdenken. Oftmals gegen mehr Gegner als beim NLHE, die naturgemäß auch noch alle unterschiedlich einzusortieren sind. Die Denkprozesse in einer Hand sind umfangreicher und anspruchsvoller.

Selbst online habe ich bis vor kurzem an fast nur „non-populären“ Spielen teilgenommen: Omaha8, Stud in allen Varianten, 2-7 Lowball und Badugi, um nur einige zu nennen. Das ist das Schöne an PokerStars: Zu jeder Zeit findet man jedes erdenkliche Spiel.

Hold’em online zu multitablen hat mich bisher fast nur am Rande interessiert, doch dieses Jahr wird sich das ein wenig ändern.

Ich habe angefangen Poker zu spielen, als dies noch eine gesellschaftliche Randgruppenerscheinung war. Als Poker dann boomte, spielten fast alle NL-Hold’em – ich spielte Stud und PLO. Als ich ein Bracelet im Razz gewonnen habe, wusste kaum einer was das überhaupt ist. Kurzum: Als jeder bei PokerStars Hold’em online multi-getabled hat, saß ich am Live-Single-Table in irgendeiner „komischen“ Variante.

„Patas arriba“ sagt der Spanier.

Heute haben viele „komische“ Varianten auf einmal großen Zulauf, obwohl sie nicht oder nur schwer multitable-fähig sind. Und fast jeder eingesessene „Online Multi-Table Grinder“ ist heiß auf den Single-Live-Tisch. Bei der PCA wurden dieses Jahr insgesamt 15 „Non-Holdem“-Turniere ausgeschrieben, sogar für das gute alte 5-Card Draw hatten sich ein paar Spieler gefunden. Der Trend geht ganz klar in Richtung Poker in allen Variationen und nicht nur Holdem.

Alle Welt kommt mittlerweile vom Online Poker zum Live-Game und ich entschließe mich gerade sehr viel mehr und ausgiebig online zu spielen und auch noch Holdem. Mein Leben verläuft anscheinend gerne antizyklisch.

Dazu muss ich mich als alter Singletable-Spieler ganz schön umstellen. Nicht nur rein technisch, sondern auch im Kopf. Poker ist in dieser Phase für mich, zumindest wenn ich viele Tische Hold’em spiele, nicht mehr Poker wie ich es kenne und eigentlich liebe, sondern eher etwas langweilig. Statt Live-Reads gibt’s jetzt fast nur schnelle mathematische Entscheidungen. Es ist fast so aufregend wie Buchhaltung machen. Oder Ablage.

Die gute Nachricht ist: Ich konnte shoppen. Zwar nur im Technikmarkt, aber immerhin. Männer müssen verstehen, dass das Shoppen für die meisten Frauen im Technikmarkt etwa so aufregend ist, als wenn Kerle 3 Stunden in einem Schuhladen verbringen dürfen.

Jetzt bin ich ausgestattet mit Hold’em Manager, Table Ninja, genügend Bildschirmen und dem N52TE. Die Anschaffung der advanced Technik hat schon mal geklappt. Die Ausstattung meines Kopfes in Verbindung mit derjenigen ist allerdings noch ausbaufähig. Neulich bin ich, oder vielmehr Herr Table Ninja, ausversehen in einem Turnier in der 1. Hand mit 200BB aus dem SB all-in gegangen. Schade, J4o war teuer. Vielleicht habe ich den Bon ja noch zum Umtauschen.

Chatten am Tisch geht nicht mehr. Also nicht böse sein, wenn ich nicht antworte. Ich sehe es einfach nicht. Zudem habe ich den Observer Chat meistens komplett ausgeschaltet, weil ich mich nämlich darauf konzentrieren muss, dass der N52TE keinen größerem Unsinn macht.

Aber damit es mir nicht zu technisch wird, spiele ich dann doch zwischendurch mein geliebtes Single-Table-Live-Game. Sei es nun in einem Turnier oder aber Cashgame in diversen Spielbanken.

Spaß muss schließlich sein.

Fliegende Portugiesen und schwimmende Holländer

Der Flug wird lang. Ich mache es mir, soweit möglich, auf meiner Sitzreihe bequem und überlege wie ich die Zeit am besten rumkriege. Ich hasse fliegen. Nicht das Fliegen an sich, sondern die damit verbundenen Einschneidungen, die verlorene Zeit und das Ausgeliefertsein an fremdes Wohlwollen. Boardpersonal, welches einen wegen Banalitäten weckt (nachdem man mühevoll eingeschlafen ist), miserables Essen ohne Alternative und die geballten Körperausdünstungen der Menschen auf kleinstem Raum ohne jegliche Möglichkeit der Gegenwehr.

In den alten Hollywood-Schinken sah Fliegen direkt noch schick aus. Die Stewardessen, gecastet wie aus Germany´s Next Top Model, lasen dem Fluggast freundlich und adrett jeden Wunsch von den Augen ab. Es gab Stoffservietten, viel Platz, lecker Essen und die Herren qualmten dicke Zigarren in dicken Ledersesseln.
Ok, Hollywood. Und das war ja auch noch in schwarz-weiß.

Jetzt fliegen wir in Farbe. Lufthansa hat gerade angekündigt, bei gleichbleibenden Preisen die Sitzreihen noch mehr zu verengen. Aber es soll weiterhin Essen & Trinken geben. Ich freu mich schon drauf.

Diesmal sind wir allerdings Gäste der TAP. Die Entschlüsselung der Kürzel lasse ich mal beiseite, obwohl mir da bestimmt das eine oder andere einfallen würde. Nachdem der Sicherheitsfilm auf den kleinen Monitoren zu Ende geflackert ist, geht das Unterhaltungsprogramm los. Ich krame nach meinen iPhone-Kopfhöreren und beginne die Suche nach der Einstöpselvorrichtung. Fehlanzeige. Mmmmh. Noch mal gucken. Nix. Ich frage die Stewardess.

„Wieso Ton?“

Geräusche sind auch völlig überbewertet bei einem Film. Nachdem mich aber das Stummfilmkabinett dann doch nicht so fesseln kann, konzentriere ich mich wieder auf mein Buch. Geschriebenes funktioniert ja Gott sei Dank auch ohne Ohrstöpsel. Pünktlich, nachdem sich der Held des Romans als Arschloch entpuppt hat, landen wir zum Zwischenstopp in Lissabon.

Dragan und ich sitzen im Bus zum Terminal 1. Unabhängig voneinander schauen wir auf unsere Reiseunterlagen und uns dann gegenseitig verwundert an. Wir sind Ortszeit um 15.10h gelandet und unser Anschlussflug geht um 15.55h nach Faro. So far so good. Es gibt nur einen klitzekleinen Haken: Es ist bereits 16.15h.

Das Telefon klingelt.

Robin. „Wo seid ihr? Habt ihr den Flieger geschafft?“ Na ja, nicht wirklich. Wir verabreden uns an dem meist unübersehbaren Schalter, an dem immer alle stehen, die Lost in Transportation sind. Die Schlange ist lang, zwei Mitarbeiter hinter dem Schalter. Einer telefoniert gelangweilt, die Kollegin kaut ausschließlich auf dem Stift. Unsere Leidensgenossen werden, wie auch wir, mit herzlicher Kompetenz betreut. Nach geschlagenen anderthalb Stunden bekommen Misses Dragan (eine ernstgemeinte, aber doch sehr gewagte These des Flugbetreuers) und Mister Robin eine Boardkarte für den 21.50h Flug in die Hand gedrückt. Bei meiner streikt offensichtlich der Drucker. Weitere 20 Minuten später kann dann auch die Stift-Kauerin das komische Piepsen des Geräts endlich als Fehlermeldung identifizieren und stellt mir eine Boardkarte per Hand aus. Na, geht doch.

Wir überlegen, was wir die restlichen 3 Stunden in dem feuchten Flughafengebäude mit unserer Zeit anfangen sollen. Wir könnten uns auf die Suche nach unseren Koffern machen, ein Schwein zum Abendbrot schießen oder aber die TAP Mitarbeiter mit Strom zurückfoltern. Ach, ich vergaß: Den gibt’s ja hier gar nicht. Also schummeln wir uns in die Lounge. Misses Dragan bäumt sich noch ein letztes Mal heroisch auf und versucht eine Stunde Internet zu kaufen. Den Rat der Folterknechte, doch noch mal extra dafür mit dem Bus in Terminal 2 zu fahren, lehnt er jedoch  mit schmerzverzerrtem Gesicht ab.

Vilamura ist schön.

Soweit man das in der Dunkelheit und durch die beschmierten Fensterscheiben des Taxis beurteilen kann. Misses Dragan sitzt aufgrund seiner Körpergröße vorne neben dem Fahrer und übersetzt uns nach hinten was er sieht: Nix. Seine Sorge, dass der Fahrer selbiges sieht oder nicht sieht ist ganz unbegründet: In diesen Breitengraden verlässt man sich häufig aufs Gefühl, eventuell auch mal aufs Gehör.

Hören tue ich in der ersten Nacht recht wenig, mein Schlaf ist direkt komatös. Entweder liegt es an den guten Betten oder aber einfach an der Glückseligkeit hier doch noch, und sogar mit Koffer, angekommen zu sein.

Mein Spieltag beginnt nur einige Stunden später. Der Turniersaal ist großzügig angelegt, nur einige Tische an der Empore sind eng gestellt. So wie meiner. Ich klebe nach hinten mit der Rückenlehne an Antony LeLouche, links und rechts bin ich von Holländern gesandwitched. Eric van der Berg sitzt rechts von mir und wir jonglieren mit dem spärlichen Platzangebot. Ich haben einen fast „Dutch only please“ Table und bin froh, im Gegensatz zu den Russen, ein paar Worte zwischen den Karten zu verstehen. Das Turnier geht für mich ruhig und entspannt los und ich muss nur einmal in Level 3 eine etwas schwierigere Entscheidung für einen großen Pot treffen. Bis zum 6. Level kann ich in der Komfortzone mit +/- Average spielen.

Dann segelt einer der Holländer in meinen Stack. Mit Halbmast und eingezogenen Kanonen gelingt es ihm mich zu rammen.

Ich erzähle ihm die Geschichte meiner Hand mit wechselnden Kapiteln auf Flop, Turn und River. Erst wiegt er sich in seichten Gewässern, auf dem Turn schaukelt der Kahn schon ein wenig und auf dem River reißt ihm eigentlich das Hauptsegel. Ich sehe ihm an, dass er sich vermanöviert hat.

Das Problem allerdings ist, dass auch in meinem Schiff das Kielwasser einläuft und ich bei einem eventuellen Showdown nicht mal eine HighCard schlagen könnte. Meine einzige Chance, diesen Riesen-Pot noch zu gewinnen, ist ein direkter Schuss vor den Bug. Ich check-raise ihn all in.

Er lamentiert und spricht zu sich selbst. „Oh Dear, why didn´t I just check..??!!”. Eine typische Seemannskrankheit, die bisweilen auch Pokerspieler ereilt. Einsam und allein mit seinen Entscheidungen, keine kleine rettende Insel in Sicht, navigieren ohne Karte und immer geht es ums Überleben. Er ringt mit sich und den Gewässern und überlegt lautstark ziemlich lange, ob er seinen Kahn jetzt komplett kentern lassen soll. Seine Landsmänner fangen an Drinks zu ordern -Rum ist leider aus-  oder bohren gelangweilt in der Nase. Auch wenn es noch so spannend ist, wenn andere das Deck schrubben, die verbliebenen Seemänner am Tisch wollen eigene Karten und es ist Time. Der Kapitän legt schlussendlich seinen Kopf gequält auf das vermeintliche Schafott und schiebt seine verbleibenden Chips rein. Offensichtlich hat er keine Lust super short weiter an dem Turnier teilzunehmen und er ist bereit lieber jetzt zu sterben als in der nächsten Hand. War ja nett gemeint von ihm aber für mich dumm gelaufen. Somit bin ich diejenige, die jetzt ein unübersehbares Leck hat. Ich kann noch froh sein, dass mein Rettungsboot 20 BB´s hat.

Von jetzt an muss ich mit kleinem Stack und abgebrochenem Ruder auskommen und wie der Teufel es so will: Es geht gar nichts mehr. Zwei ganze lange Level keine einzige Situation, null spielbare Hände. Da wir fast immer einen Flop zu sehen bekommen, kann ich auch beobachten, dass ich nicht einmal aus Unfall irgendetwas getroffen hätte. Dann gibt es nur eins: Aushalten und improvisieren. Zu allem Überfluss habe ich mit meinem lädierten Häufchen auch noch in den letzten 5 angesagten Spielen des Abends Small- & Bigblind. Die finale Hand, die ich um 20.45 h sehe ist 3-8 off und es gab einen Push vom Cut Off.

Ich tüte meinen übersichtlichen Rest von 15 BB ein und verabrede mich mit dem Roomservice des Hotels. Nach der gegrillten Dorade (Ich dachte, Fisch wäre passend) und einem Glas Weißwein schlafe ich erneut wie im Himmel.

Morgen wird weiter gesegelt. Oder sagen wir mal lieber mit einer Nussschale zur Atlantik-Überquerung antreten. Ich habe allerdings schon von Typen gehört, die durch glückliche Umstände einen Showdown überlebt haben sollen. Der Name ist mir leider entfallen.

Falls der Enterhaken abbricht bin ich in einem ortsansässigen Reitstall verabredet um mir portugiesische Pferde anzusehen. Ich kann mich gerade nicht entscheiden, was ich schöner finde.

Zurück in die Zukunft

Oktober 1999: Ebay wird erfunden, Günter Grass bekommt den Literatur Nobelpreis, die Toten Hosen veröffentlichen das Album „Unsterblich“ und es gibt 2 Poker-Turnierveranstaltungen in ganz Europa.

Schatzi, Jan Jachtmann, Michi Keiner und Markus Golser sitzen in Baden beim PLO.

Oktober 2009: Neustart des Teilchenbeschleunigers, Schwarz-Gelb hat ein 40 Milliarden-Loch und es gibt 35 Poker-Turnierveranstaltungen in ganz Europa.

Schatzi, Jan Jachtmann, Michi Keiner und Markus Golser sitzen in Baden beim PLO.

Casino in Baden

Manche Dinge im Leben ändern sich eben nie.

Als ich hier 1999 das erste Mal mit Poker physisch in Berührung kam, raiste man noch in Schilling. Die Herren trugen abenteuerliche Krawatten mit Versacemuster und ich artig Mamas Perlenkette. Baden bei Wien war das Ereignis des Jahres. Alternativen gab es wenig.

Unvorstellbare Möglichkeiten für den damalig Pokerverrückten: 24 Std. Cashgames mit Flatrate-Verköstigung von DO&CO incl. geschlossener Vorhänge (man weiß ja, wie empfindlich Pokerspieler auf Tageslicht reagieren), Hotel in Spuckweite und Turniere mit mehr als 100 Teilnehmern. Ein El Dorado für die meisten deutschen Spieler. Las Vegas vor der Haustür sozusagen. Eine ganze Woche lang war die Uhr auf Null gestellt, falls sie nicht sowieso schon vorher in der Pfandleihe lag. Alle, die nicht gerade broke waren, das Finanzamt am Hals oder eine Scheidung am Laufen hatten, sprangen pünktlich in den Flieger oder verabredeten sich zum Sammeltransport nach Baden.

Die Welt war noch groß: Kein Facebook, kein Twitter, kein Skype, kein PokerStars. Nicht einmal Internet. Man musste seinen Arsch noch in Bewegung setzen, um mit Leuten zu sprechen oder Karten umzudrehen. Ob es nun besser oder schlechter war kann ich gar nicht sagen. Es war einfach anders. Es herrschte eher so eine Art Bootcamp-Stimmung und man freute sich auf Baden wie ein Kind auf den Geburtstag. Um es vorweg zu nehmen: Diejenigen, die 1999 noch mit der Trommel um den Weihnachtsbaum gelaufen sind: Ja, das Telefon war schon erfunden. Die Handys waren allerdings so groß, wie heute eine selbstständige Funkstation in Mogadishu.

2009 kann man sich kaum noch entscheiden, wo man Poker spielen möchte. Gerade Turniere in Europa werden wie Sand am Meer angeboten. Trotz der Konkurrenz ist es bemerkenswert, dass sich Baden bis heute seinen festen Platz als einer der schönsten und besten Poker-Standorte in Europa erhalten hat. Zugegebenerweise habe ich ja etwas nostalgische Erinnerungen an dieses Casino, kann aber durchaus objektiv sagen, dass Edgar Stuchly & Co da immer etwas Einmaliges auf die Beine stellen.

Zum 20 jährigen Jubiläum findet in Baden zum ersten Mal der Poker EM Nations Cup statt. Es handelt sich dabei um einen Teambewerb, an dem pro Nation nur 2 Mannschaften teilnehmen dürfen. Ein Team besteht aus 4 Spielern und das Startgeld beträgt 20.000 Euro pro Team. Gespielt wird in den Varianten Texas Holdem No Limit, Omaha Pot Limit und Seven Card Stud Limit.

Teamwettbewerbe sind für mich immer etwas ganz Besonderes und nehmen einen Extra-Stellenwert in meinem Pokerleben ein. Im Januar 2006 hatte ich die Chance, ebenfalls mit Michael Keiner als Kapitän, an dem ersten Nations Cup mit deutscher Beteiligung in Cardiff zu spielen. Die Konkurrenz war groß, die Quoten standen schlecht für uns und nach den ersten Heats lagen wir ganz schön zurück. Michi hat mich dann mit den Worten „Mach mal das Wunder von Bern“ in den Ring geschickt. Man muss sein Spiel ganz schön anpassen und sein Team immer im Hinterkopf haben. Egotrips sind tabu. Das fällt einem Pokerspieler, der ja gewohnt ist einsam und allein für sich seine Entscheidungen zu treffen, nicht immer leicht. Am Ende haben wir einen guten 2. Platz belegt und nach der Ausstrahlung im Channel 4 kam dann ja u.a. PokerStars auf mich zu.

In Baden ist es, wie immer, fortschrittlich. Statt NLHE Einerlei gibt es es Mixed Game. In abgespeckter Form, aber immerhin. Das DSF wird dabei sein und ich bin gespannt, wie die PLO und Stud im TV umsetzen. Ich glaube, es könnte eine Art Premiere sein. Nicht auszudenken, wenn wir demnächst noch H.O.R.S.E. im Fernsehen spielen oder gucken.

Die Hemden sind bestickt, die Messer gewetzt. Teamgeist, Flexibilität und Momentum. Ich freu mich drauf.

Manche Dinge ändern sich eben nie.